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Unser Kind hat zwei Mamas, na und? Interview mit Anja und Nicole von frauundfrauw

Vor kurzem habe ich Anja und Nicole von frauundfrauw getroffen. Die beiden sind ein Paar und leben mit ihrem zweijährigen Sohn Valentin, der die beiden „Mama“ (Anja) und „Mami“ (Nicole) nennt, in Berlin-Kreuzberg. Mit ihrem Blog und in den sozialen Netzwerken erobern Sie gerade die Herzen vieler Menschen. Auch ich bin riesengroßer Fan dieser beiden wunderbaren Frauen, die uns so herrlich normal und supersympathisch zeigen: Unser Kind hat zwei Mamas, na und?

Wir haben zusammen Kaffee getrunken, Glückskekse gegessen und uns darüber unterhalten, wie das so ist, wenn zwei Frauen beschließen eine Familie zu gründen.

1. Liebe Anja, liebe Nicole – wann habt ihr beschlossen Kinder zu bekommen und wie waren die Reaktionen darauf?

 Das wussten wir schon, als wir uns ineinander verliebt hatten. Für uns war von Anfang an klar: wir wollen eine Familie. Und das, obwohl wir beide vorher weder heiraten noch Kinder bekommen wollten. Aber wenn man dem richtigen Menschen begegnet, ändert sich eben alles. Glücklicherweise hat sich unser Wunsch dann ja auch schnell erfüllt. Und die Reaktionen aus unserem Umfeld waren durchweg positiv. Alle haben sich mit uns über unser Wunschkind gefreut.

2. Welche rechtlichen Hürden musstet ihr nehmen, damit euer Kinderwunsch in Erfüllung ging?

Anja: Zwei Frauen können in Deutschland nicht einfach so in Kinderwunschklinik gehen und sagen „Hallo, wir wollen ein Kind!“ Es gibt derzeit in Deutschland keinen offiziellen Weg, den man gehen kann. Die einzige Möglichkeit ist, einen Mann zu finden, der sich als Samenspender zur Verfügung stellt. Das kam für uns jedoch nicht in Frage, obwohl es Angebote gab.

Wir mussten daher ins Ausland ausweichen und haben uns entschieden nach Dänemark zu gehen. Nicole ist dort in einer Kinderwunschklinik mit einer Samenspende schwanger geworden. Den Spender haben wir uns nach verschiedenen Kriterien ausgesucht, es gab ein Kinderfoto von ihm und wir konnten uns sogar seine Stimme anhören.

Nicole: Während der Schwangerschaft gab es keine behördlichen Besonderheiten, außer dass wir geheiratet haben.

Anja: Eine große Hürde war dann allerdings die Adoption. Ich hatte ja bis dahin keinerlei Rechte in Bezug auf das Kind und wollte natürlich die volle Verantwortung für das Kind übernehmen. Es folgten psychologische Tests, die Überprüfung der finanziellen Verhältnisse, Notar, Gesundheitszeugnis, Beglaubigung von Unterlagen, Bewerbungsschreiben und dann der Antrag beim Familiengericht. Ich musste sogar beim Jugendamt mit unserem Kleinen unter Aufsicht spielen. Alles in allem dauerte es ca. 1 Jahr bis alles durch war. Nicht auszudenken, wenn etwas in dieser Zeit passiert wäre… Ich hätte keinerlei Rechte in Bezug auf unser Kind gehabt.

3. Welches war der größte Gänsehaut-Moment, seitdem ihr Mama und Mami seid?

Schöne Frage. Unser größter Gänsehaut- Moment war definitiv, als unser Sohn das Licht der Welt erblickt hat. Ein unbeschreibliches Wechselbad der Gefühle. Denn unsere Geburt war sehr dramatisch und lief überhaupt nicht so, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Wir werden nie vergessen, wie wir traumatisiert und glücklich zugleich in unserem Familienzimmer im Krankenhaus saßen und unser Kind im Arm hielten.

4. Glaubt ihr, dass es euer Sohn später Schwierigkeiten haben wird, vielleicht sogar angegriffen oder diskriminiert wird, weil er zwei Mütter hat?

Anja: Angriffe von außen gibt es ja immer. Also ich bin als Kind nach Bayern gekommen und hatte einen schrägen Dialekt, nämlich hochdeutsch, da wurde ich auch anders behandelt.

Nicole: Gerade in einer Stadt wie Berlin, gibt es inzwischen so viele verschiedene Familienmodelle: Kinder haben einen Mann und eine Frau als Eltern, vielleicht auch nur ein alleinerziehendes Elternteil oder sogar vier Elternteile, weil sie in einer Patchwork-Familie leben – oder eben zwei Männer oder zwei Frauen. Ich glaube nicht, dass er Schwierigkeiten haben wird.

Anja: Und wenn schon, unser Sohn wird bei Angriffen von außen wissen: „Nicht ich bin das Problem, das Problem liegt doch nur bei dir“ – und das ist das allerwichtigste.

5. Glaubt ihr, dass eurem Sohn eines Tages vielleicht der Vater fehlen wird?

Nicole: Nein, dass glauben wir nicht. Wir haben viele Männer in unserem Freundeskreis, mit denen er Kontakt hat und das reicht aktuell seinen Bedürfnissen. Wir beobachten außerdem, dass unser Sohn selber Rollen verteilt: Also fürs Kuscheln ist Mami zuständig und für Action die Mama. Das funktioniert prima und ganz natürlich.

6. Wie steht ihr dazu wenn Valentin eines Tages seinen biologischen Vater kennen lernen möchte?

Das sollte er unbedingt können. Denn ihm haben wir ja dieses wunderbare Kind zu verdanken. Deshalb haben wir uns auch ganz bewusst für eine „offene“ Spende entschieden. Das bedeutet: wenn unser Sohn achtzehn Jahre alt ist kann er selbst entscheiden, ob er seinen biologischen Vater kennenlernen möchte oder nicht. Diese Entscheidung wollten wir ihm nicht vorwegnehmen.

7. Der Bundestag hat kürzlich die Ehe für alle beschlossen. Habt ihr Freudensprünge gemacht? Und lasst ihr nun eure Lebenspartnerschaft in eine „echte“ Ehe umwandeln?

Ja, wir haben uns natürlich unheimlich gefreut. Denn dieser Beschluss ist ein wichtiges Symbol für die Toleranz und Liebe in unserer Gesellschaft. Für uns persönlich ändert sich aber nicht viel. Wir haben uns schon immer als verheiratet gefühlt und uns Ehefrau genannt. Trotzdem werden wir unsere Lebenspartnerschaft in eine Ehe umwandeln lassen und diesen Tag auch zelebrieren. Neben der „Ehe für alle“ wäre für uns persönlich die Änderung des Abstammungsgesetztes fast noch entscheidender gewesen. Aber auch das, da sind wir uns sicher, ist nur noch eine Frage der Zeit. Wir versuchen eh mit allen Ungerechtigkeiten des Lebens positiv umzugehen und viele Dinge mit Humor zu nehmen. Das zeigen wir auch auf unserem Blog „Frau und Frau W“. Wir wollen anderen Menschen damit Mut machen, Ängste und Vorurteile abbauen und zeigen, wie amüsant das Leben doch sein kann.

8. Was sollte sich aus eurer Sicht noch in Bezug auf homosexuelle Eltern ändern? Was sollte aus eurer Erfahrung noch in rechtlicher Hinsicht umgesetzt werden?

In rechtlicher Hinsicht würden wir uns wünschen, dass das Abstammungsgesetz (§ 1592 BGB) angeglichen wird. Damit wären Ehemann und Ehefrau automatisch Vater und Mutter, der in die Ehe hineingeborenen Kinder. Unabhängig davon, ob er oder sie auch der biologische Vater beziehungsweise die Mutter ist. Das würde uns als lesbisches Elternpaar das komplizierte und meist langwierige Adoptionsverfahren ersparen und uns mehr Sicherheit geben.

9. Was ratet ihr anderen Frauenpaare mit Kinderwunsch?

Nicole: Frauenpaare, die sich ein Kind wünschen, sollten sich nicht als Opfer sehen, sondern versuchen einen Weg zu finden um ihren Kinderwunsch zu verwirklichen.

Anja: Sich bewusst sein, dass das eigentlich etwas ganz Normales ist, wenn sich zwei Frauen lieben und einen Kinderwunsch haben. Es ist doch so, dass man sich in den Menschen verliebt und nicht zwingend in einen Mann oder eine Frau. Für uns war es am Anfang auch eine Art Schock dass wir uns in eine Frau verliebt haben, vorher kannten wir Homosexualität ja nur aus der Lindenstrasse.

10. Was ist für euch das Schönste am Mamasein?

Wir sind überglücklich, dass wir Mamas sein dürfen und das wir einen so gesunden, entspannten und fröhlichen Sohn haben!

 

Vielen Dank für das Interview! Wenn ihr mehr von Anja, Nicole und Valentin sehen, hören und lesen möchtet, dann folgt den beiden unbedingt auf diesen Kanälen:

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1 Kommentar

  • Antworten
    Sonja
    28. September 2017 at 15:32

    Als Frauenpaar kann man aber auch in Deutschland in eine Kinderwunschklinik gehen und sich dort behandeln lassen. Es gibt sogar Kliniken die nicht verpartnerte/verheiratete Paare behandeln bzw. Singles. Ins Ausland muss man dafür nicht mehr.

  • Antworten

    Gleiches Recht für ElternBitte unterstütze meine Petition mit #proparents, BRIGITTE und ELTERN!

    Wir sammeln auf openPetion.de Stimmen für gleiche Rechte von Eltern. Sobald 50 000 Menschen unsere Petition unterzeichnen, reichen wir unser Anliegen im Juni beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags ein.